Ich hatte ein mulmiges Gefühl als ich an die Grenze fuhr, wird alles reibungslos ablaufen? Was erwartet mich in der Türkei? Ich habe gemischte Gefühle über dieses Land, ein Land dass von den Medien regelrecht zerrissen wird. Der Grenzüberquerung lief ohne weitere Probleme ab, ich musste jegliche eine weitere Autoversicherung kaufen – was sich im Nachhinein als unnötig heraus stellte. Der Zoll durchsuchte mein Auto – Türen auf – “OK close, Thank you” – Türen zu. Das war einfacher als gedacht. Mein Auto und ich freuten uns über die meist guten Straßenverhältnisse in der Türkei.

Griechisch-Türkischer Grenzübergang

Geschafft !
Heute fährt die 18 bis nach Istanbul, Istanbul, Istanbul – erster Stop war die Metropole mit 14 Millionen Einwohnern – Ich mitten drin. So kam ich genau richtig zur Rushhour und steckte 3h mitten im Verkehr fest. Die Autobahn war ein völliges Chaos, aus 3 Spuren wurden 5 gemacht, mitten drin Strassenverkäufer – Waffeln, Bagels, Bananen, Drinks, Handyhalterungen all das bekommt man der Autobahn. Verrückt. Mit den Verkehrsregeln hat man es auch nicht so genau, rechts überholen ist ganz normal, die Lichthupe wird ständige benutzt. 90% haben ihr Mobiltelefon in der Hand, selbst die Polizei schreibt gerne mal eine SMS während der Fahrt. Alles ganz normal. Wer im Verkehr bremst sieht alt aus und wartet ziemlich lange, jeder andere wird sich sofort an dir vorbeidrängen. Es scheint als gelten hier keine Verkehrsregeln.

Sevgi, Öznur und Beril lernte ich über Couchsurfing kennen, wir waren auf ein Bier im Pub. Alkohol ist in der Türkei vergleichsweise teuer. Umgerechnet etwa 4 Euro das Bier, ich war immer noch an die sehr günstigen Preise aus dem Kosovo gewohnt. Viele Studenten wohnen im Campus, sie teilen sich zu 6-8 ein Zimmer, kann man sich wie in einem Hostel vorstellen. Das Zimmer dient nur zum schlafen, für mehr ist kein Platz, zum lernen gehen sie in die Bibliothek. Privatsphäre ist nicht vorhanden, dafür bezahlen sie aber auch “nur” 80 Euro im Monat. Istanbul hat mir nicht gefallen, das lag zum größten Teil daran dass ich mit dem Auto dort war. Ein Auto ist einfach völlig unnütz und nervt in der Großstadt nur. Nach 2 Tagen bin ich weiter gezogen.





In Izmir hab ich Deniz getroffen, Sie hat mir coole Ecken der Stadt gezeigt die ich sonst nicht gefunden hätte. Im Hafen liegt ein altes Kriegsschiff und U-Boot – MADE IN GERMANY – Die Führung war leider auf Türkisch aber trotzdem sehr interessant. In so einem U-Boot ist es verdammt eng.





Die Ruinen von Ephesos liegen in der Nähe von Selçuk, ungefähr 70 km südlich von Izmir an der türkischen Westküste. 2015 wurden sie zum Weltkulturerbe erklärt. Das Colosseum ist weltweit eines der besterhaltenen. Mann sollte sich 10 Minuten Zeit nehmen, hinsetzen uns das ganze auf sich wirken lassen. Es ist unglaublich wie viel Arbeit hier rein gesteckt wurde. “Der frühe Vogel fängt den Wurm” um 8:00 Uhr pünktlich zur Öffnung war ich da, jetzt hatte ich das Glück alles in Ruhe anzuschauen. Noch war ich der einzige. Und da kamen sie schon, die Scharen der Chinesischen Bustouristen, vorbei war’s mit der Ruhe.








Pamukkale ist auf jeden Fall auch ein “must see” in der Türkei. Hier befinden sich Kalksteinterassen die über Jahrtausende durch kalkhaltige Thermalquellen entstanden sind. Im Sommer kann man in den Pools baden. Definitiv auch ein Highlight auf meiner Reise.




In Antalya hat mir ein Obdachloser eine Stadtführung gegeben und viel über die Stadt erklärt. Er ist gebürtiger Türkei, aber in Deutschland aufgewachsen. Hat dort Scheisse gebaut und ist ausgewiesen worden. Amir spricht akzentfreies Deutsch, für Alkohol hat er nicht genug Geld, so trinkt er Rasierwasser mit Wasser verdünnt. Zwei ganze Stunden lief er mit mir Kreuz und quer durch Antalya, immer wieder zeigte er mir Plätze “dort schlaf ich auch ab und zu”. In Antalya ist es immer etwas wärmer als im Rest von der Türkei, trotz alledem wird es auch im Winter kalt hier. Ich hab ihn auf ein Essen eingeladen und 20 Lira in die Hand gedrückt, er wird es ziemlich sicher versaufen, aber die Stadttour war es mir wert.




Mein nächstes Ziel führte mich Weg von der Küste ins Landesinnere. Kappadokien ist etwa 7 Stunden mit dem Auto von Antalya entfernt. An einem Strassenladen kaufte ich mir Erdbeeren für die Fahrt. Der Weg ist sehr schön durch Wälder und Berge, ganz oben angekommen lag sogar etwas Schnee. Die Menschen in Kappadokien wohnen im Sommer in Höhlen im Fels. Auch sind die Hotels und viele Restaurants in den Fels gebaut. Must do ist die Ballonfahrt zum Sonnenaufgang über dem Canyon. Ein geniales Erlebnis was ich jederzeit wieder machen würde, für 75 Euro bekommt man Frühstück mit Champagner und Früchten und eine 1 stündige Ballonfahrt bei Sonnenaufgang. Zur Winterzeit starten jeden morgen etwa 20-30 Ballons, zur Hauptsaison im Sommer sind es über 100, der ganze Himmel ist dann voll mit Heissluftballons. Vielen Dank an Kapadokya Ballons, sehr nettes Team ich konnte auf dem Gelände schlafen und das Bad benutzen. “What goes around comes around”















Auf dem Weg zum Schwarzen Meer hab ich den ersten Hitchhiker auf meiner Reise aufgesammelt, Artjon kam aus Estonia und trampt durch die Welt für ein paar Jahre. Seine nächsten Ziele sind Georgien, Armenien, Iran, Pakistan und auch Afghanistan. Bis nach Sivas hab ich ihn mitgenommen. Alles Gute auf deiner weiteren Reise! Ein netter fremder sprach uns in schlechten Deutsch an und zeigte uns einen kleinen Imbiss wo wir Mittag gegessen haben, er erzählte von seiner Frau in Deutschland und das er jetzt auch nach Deutschland möchte um zu arbeiten wie seine Brüder, Sie arbeiten als Busfahrer in Sindelfingen. 



In Samsun hab ich Lennard und Lennard wieder getroffen, etwas verwirrend als erstes aber ich hab mich schnell daran gewöhnt wenn ich Lennard sage das sich 2 Leute angesprochen fühlen. Unser Weg führte uns am Schwarzen Meer entlang bis kurz vor die Georgische Grenze wo sich unsere Wege wieder für ein paar Tage trennten.












Es herrscht tiefster Winter, alles abseits vom Highway ist abenteuerlich zu fahren, oft musste ich Schneeketten anlegen und mit Allrad fahren, anders war kein durchkommen möglich. Landschaftlich war die Stecke einzigartig – Ein kleines sehr sehr kaltes Winterwonderland, zwischenzeitlich erreichte das Thermometer ein neues Rekord tief – 22 Grad. Ich hab weiterhin im Auto geschlafen, mit Standheizung ist dass auszuhalten. Meiner Autobatterie hat das hingegen weniger gut gefallen, in Doğubayazıt der letzten grösseren Stadt vor dem Iran, war ich in der Werkstatt und hab eine neue stärkere Batterie einbauen lassen.























Der Westen unterscheidet sich deutlich vom Osten der Türkei. Im Westlichen Teil ist vieles lockerer mehr Liberal und offener, gerade Istanbul will einen Westlichen Eindruck erzeugen. Im Osten scheinen sich die konservativen Züge durchzusetzen.
Im Norden/Osten der Türkei, wurde mir mehrfach deutlich gemacht, was sie von Deutschlands Politik und Angela Merkel halten.
- “Merkel big problem”
- “Merkel give PKK weapons”
- “Merkel NO NO NO”
- “Merkel terrorist”
Wie diese Aussagen zeigen halten sie nicht viel von Deutschlands Außen- und Flüchtlingspolitik. Ich hatte das Gefühl, je kleiner die Stadt/Dorf wurde, desto konservativer und Pro Erdogan wurde die Bevölkerung. Vielleicht lag das auch an der manipulierten und fehlenden Bildung. Auch die Ökonomie hinkt dem Wester den Türkei weit hinterher.
Ich bin sehr an der politischen Lage und Meinungen der Menschen in der Türkei interessiert. So stellte ich vielen Menschen die ich getroffen habe folgende Frage:
“What do you think about your Gouvernement?”
- “Its dangerous to talk about – watch out”
- “Take care who you talk to”
- “I just want to leave, but they don’t let us”
- “This is not a democracy, this is a dictatorship”
- “No criticism allowed”
- “censored news, media and internet”
Antworten der Bevölkerung meist im Westen der Türkei
In den grösseren westlichen Städten und Metropolen beschweren sich die Menschen immer über die Aktuelle Regierung der AKP unter Führung von Recep Tayyip Erdogan, vor allem die junge Generation. In der Öffentlichkeit wird kaum ein schlechtes Wort gelassen, wobei Zuhause in geschlossenen Räumen in “sicherem” Umfeld heftig geschimpft und kritisiert wird. Wer die Regierung öffentlich kritisiert und schlecht redet, riskiert verhaftet zu werden. Dadurch verliert nicht nur er seinen Job, oft verlieren auch die Familienmitglieder ihre Arbeitstelle. Kein Land der Welt hat mehr inhaftierte Journalisten als die Türkei!! Weit mehr als 100 Journalisten sitzen im Gefängnis, oft erfahren selbst die Verhafteten und ihre Anwälte über lange Zeit nicht, was genau die Justiz ihnen zur Last legt.
Zehntausende Staatsbedienstete wurden wegen angeblicher Verbindungen zum gescheiterten Putschversuch suspendiert oder entlassen:
- 30 der 81 Gouverneure
- Mehr als 9000 Beamte des Innenministeriums, darunter 7899 Polizisten.
- 2745 Justizbeamte, darunter Richter, Staatsanwälte und Mitglieder des Hohen Rates der Justiz
- 100 Mitarbeiter des Geheimdienstes MIT
- 21 700 Lehrer oder andere Bedienstete des Bildungsministeriums
- 1122 Mitarbeiter der staatlichen Behörde für religiöse Angelegenheiten (Diyanet)
- 1500 Beamte des Finanzministeriums
- 399 Mitarbeiter des Familienministeriums
- 30 Mitarbeiter des Außenministeriums
- 245 Mitarbeiter des Jugend- und Sportministeriums
- 283 Mitglieder der Präsidentengarde
- Fast 200 Mitarbeiter der höchsten Gerichte
- 100 Mitarbeiter des Nachrichtendienstes
- 21 000 Privatlehrern wurde die Arbeitserlaubnis entzogen
- 1577 Dekane und die Rektoren aller Universitäten wurden entlassen, allen Akademikern bis auf Weiteres die Ausreise verboten.
- Zwei Botschafter
- 52 Inspekteure der Provinzen
Dicht gemacht wurden drei Nachrichtenagenturen, 16 Fernsehsender, 23 Radiostationen und 45 Zeitungen.
“Wir haben gesehen, dass jeder, der es wagt, sich kritisch zu äußern, verfolgt und mundtot gemacht wird”
– Erol Önderoglu, türkische Vertretung Reporter ohne Grenzen, inhaftiert –
Ziele sind die Zivilbevölkerung, Akademiker, Meinungszirkel, Oppositionspolitiker, Menschenrechtler, Aktivisten, kurz: alle die kritische Gedanken äußern..
“Sie wollen keine säkulare, wissenschaftliche und demokratische Erziehung. Sie suspendieren genau die Leute, die so unterrichten, um solch eine Erziehung zu verhindern. Deshalb werden Akademiker und Lehrer entlassen.“
Canan Badem
Aufgrund eines Notstand Dekrets können Inhaftierte ohne Anklage bis zu 30 Tage festgehalten werden. Dieser Ausnahme zustand wurde auf ein Jahr ausgedehnt, es ist fast schon Normalität geworden. Ich erinnere euch nochmal dran, dass die Türkei EU- Beitrittskandidat ist !?!?
Die meist kleineren Mängel am Auto waren behoben, meine Zeit in der Türkei war um, 3 Wochen bin ich durch das Land gereist, nun stehen 3 Wochen Iran vor der Türe. Ich bin aufgeregt und neugierig was mich erwartet. Es trennen mich nur noch 5000km und 2 Länder von meinem Ziel Indien.
Großartige Bilder und eine tolle Reise. Ich wünsche weiterhin gutes Gelingen und viele Abenteuer sowie Gesundheit.